Demokratie 2.0?

Die mediale Vermittlung von politischer Bildung ist vor dem Hintergrund zunehmenden Politikverdrusses von immer größerer Bedeutung für die politische Meinungsbildung.

Zwar existiert mit dem öffentlich-rechtlichen Sender Phoenix ein Sender, der alle Plenardebatten live aus dem Reichstag überträgt, dennoch sind die Quoten mit meist unter einem Prozent vergleichsweise gering. Das spricht für ein geringes Interesse der Bevölkerung an den häufig langen Plenardebatten. In Zeiten immer komplexer werdender Sachverhalte ist politische Willensbildung dennoch von äußerster Wichtigkeit. Viele Autoren sprechen vor diesem Hintergrund deshalb von einer so genannten „Mediendemokratie“. (vgl. Meyer, 2003)

Politische Talkshows sind die Stätten der Inszenierung politischer Prozesse. Willensbildung geschieht heute vor dem Fernseher. – Politische Fernsehtalkshows können dabei als kommunikative Ereignisse verstanden werden, bei denen im Rahmen eines bestimmten Sendungskonzeptes Personen zusammenkommen, die für die zuschauenden Rezipienten ein Gespräch führen. (vgl. Dörner, 2001).

Talkshows und in einem weitaus größeren Ausmaß den beteiligten Politikern, wird im Rahmen der Diskussion um die „Mediendemokratie“ vorgeworfen vor allem nur sich selbst zu inszenieren und politische Inhalte auf ein Minimum an Komplexität zu reduzieren, um sich so vor einem Millionenpublikum zu profilieren. Talkshows gelten als Hilfsparlament der Republik. (vgl. Schnibben, Cordt, 2008)

 Kann ein Format wie ZDF login, in dem neben Akteuren öffentlichen Interesses auch die Zuschauer als User aktiv am Diskurs teilnehmen, einen höheren Beitrag zur politischen Willensbildung leisten als klassische Talkshows?

In einer politischen Talkshow sprechen meist Politiker und/oder Personen des öffentlichen Interesses mit einem oder mehreren Moderatoren über aktuelle politische Themen. Aufgrund kurzer Sendezeiten müssen Inhalte auf prägnante Kernaussagen reduziert werden, sodass die Diskussion weniger der Sache dienen als der Person, die sie führt.

Abb.1 talkshow klassisch - eigene Grafik

Abb.1 Modell Talkshow klassisch – eigene Grafik

Hinzu kommt, dass die polit-Prominenz aufgrund ihres Nachrichtenwerts meist Vorrang erhält. (vgl. Dörner 2001, S. 141) Dabei ist Selbstinszenierung schon seit der Antike entscheidender Teil der Politik. Denn jener, der Wahlen gewinnen will, muss Menschen für sich gewinnen. (vgl. . Falter 2002) Selbstinszenierung in politischen Talkshows ist daher nur konsequent weitergedacht.

Dem Uses & Gratification Approach zufolge, wählen Rezipienten Sendungen aktiv aufgrund ihrer persönlichen Bedürfnisse aus. Auf ZDF login gemünzt lässt sich der Ansatz meiner Auffassung nach um den Faktor der Beteiligung erweitern. Wie die Sachlage zeigt gibt es anscheinend Menschen mit dem Bedürfnis sich aktiv am politischen Diskurs zu beteiligen.

Wie verändert sich also eine Talkshow wenn Rezipienten als User aktiv am Sendeverlauf teilnehmen? Diese Frage gibt Anlass für neue Fragen: In wie fern haben User überhaupt die Möglichkeit aktiv auf den Sendeverlauf einzuwirken?

Abb2. modell ZDF loginGrafik selbst erstellt

Abb2. Modell ZDF login
Grafik selbst erstellt

Alle Statements, Fragen, Antworten und Anregungen der User egal ob über Twitter oder Livechat übermittelt, durchlaufen eine Redaktion, die diese der Situation in der Sendung entsprechend anpasst. Zudem wird die Redaktion und die Moderatoren gut daran tun ihre Gäste nicht zu hart in die Mangel zu nehmen, sodass auch in Zukunft vermeindlich wichtige Menschen an der Sendung teilnehmen möchten. Eine klare Antwort auf die zweite oben gestellte Frage ist also ohne entsprechende quantitative / qualitative Forschung gar nicht zu treffen. Ähnlich verhält es sich mit der ersten oben gestellten Frage. Ohne weitergehende Forschung ist eine Antwort hier faktisch unmöglich. Subjektiv, nach dem Konsum einiger Sendungen komme ich zu dem Ergebnis, dass die Teilnahme der User wenig ändert. Einzelnen Usern wird sicherlich ein Sprachrohr  gegeben. Dennoch unterliegt auch dieses Format den generellen Maßstäben einer Talk-Show.  Dass die Sendung nur für zwei, sich förmlich duellierenden Gästen konzipiert ist, trägt sicherlich dazu bei. Ähnlich verhält es sich mit dem Fakt, dass die User gen Ende der Sendung aufgefordert werden, über Gewinner und Verlierer Abzustimmen. Das mag zwar einer jugendlichen Zielgruppe gefallen.- Förderlich für eine objektive Debatte, die über Parteipolitik und extremer Selbstinszenierung steht, ist es aber sicherlich nicht.

Dennoch sehe ich großes Potential in der Interaktion von Bürgern, die über soziale Medien einen Zugang zum politischen Diskurs finden, mit Politikern. Ein Format wie ZDF login kann hier sicherlich auch Ansporn sein. Eine Fernsehsendung gibt nun mal ein gewisses Korsett vor, das sich aus Unterhaltungs- und Zeitdruck zusammensetzt. Entscheidend ist, dass es Menschen dazu bringt sich mit Politik auseinanderzusetzten. Von daher trägt das Format, egal wie boulvardesk oder redaktionell gefiltert, zwangsläufig, sobald es von einer größeren Öffentlichkeit konsumiert wird, auch zur politischen Willensbildung bei. Ob nun besser oder schlechter kann an dieser Stelle nicht hinreichend beantwortet werden.

Quellen:

Dörner, Andreas: Politik als Fiktion. In: Aus Politik und Zeitgeschichte: Inszenierte Politik. 7/2006. S. 3-11.

Falter, Jürgen W.: Politik als Inszenierung – Ein Essay über die Problematik der Mediendemokratie in 24 Punkten. In: Alemann, Ulrich von/Marschall, Stefan (Hg.): Parteien in der Mediendemokratie. Wiesbaden 2002. S. 420-430.

Mayer, T.:Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ).2003. S. 12–19

Schnibben, Cordt. Die 60-Minuten Demokratie. 2008. Online in Internet. URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-57119346.html (Abgerufen am:  05.01.13)

Abbildungen:

Abb.1 : Modell Talkshow klassisch – eigene Grafik

Abb.2 : Modell ZDF login – eigene Grafik

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About Jonas Baum

Student der Medien- und Kommunikationswissenschaft im 5. Fachsemester

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